Ein Kunstwerk für alle Zeiten

Die Kirche Am Hohenzollernplatz sollte "ein Kunstwerk für alle Zeiten" werden, so formulierte es der damalige Superintendent Diestel. Er stellte sich eine Kombination von Kirche mit Wohnungen und Ladenpassagen vor, die man vermieten ggf. verkaufen könnte, eine aus heutiger Sicht sehr vorausschauende Überlegung. Stadtrat Grüder selbst arbeitete mehrere Studien und Vorentwürfe für die Bebauung des freien Grundstücks am Hohenzollernplatz aus, wobei die Kirche in der Regel in der Nassauischen Straße oder aber in der Nikolsburger Straße zu stehen kam. Der Grundstücksteil zum Platz hin sollte von einem Wohn- und Geschäftshaus eingenommen werden. Beauftragt wurde zunächst der weithin bekannte Otto Bartning, der zwei Vorentwürfe anfertigte. Die Ausschreibung eine Wettbewerbs wurde im April 1927 vom Gemeindekirchenrat beschlossen. Eine "einfache, würdige" Baugruppe sollte entworfen werden, in der die Kirche ca. 1000 Menschen Sitzplätze, z.T. auf Emporen, bieten würde, dazu Gemeindehaus mit unterschiedlichen Sälen und Pfarrhaus. Neben Bartning wurden als Architekten die renommierten Büros von Helmuth Grisebach, Hans Rottmayer, Otto Kuhlmann und Leo Lottermoser gebeten. Als Preisrichter fungierten Stadtbaurat a.D. Ludwig Hoffmann, Geheimer Oberbaurat Kickton, Stadt- und Oberbaurat Grüder, Pfarrer Frommel und Ing. Kirstein als Kirchenältester. Das Preiskollegium wollte "keinen der eingereichten Entwürfe zur weiteren Bearbeitung und Ausführung empfehlen". Schließlich forderte man Rottmayer und Grisebach zur Überarbeitung ihrer Entwürfe auf; nach Einspruch sollte auch Kuhlmann seine Vorstellungen präzisieren.
 

Entscheidungen im Gemeindekirchenrat

Am 14. März 1928 sah sich das Preisgericht außerstande einen Beschluss zu fassen. Um das Vorhaben aber anzugehen, wurden die bearbeiteten Entwürfe dem Bezirksamt zugeleitet. Dort wurde zur besseren Planung ein Modell des Hohenzollernplatzes mit seiner Bebauung angefertigt, um mit Einsatzmodellen die Baupläne auf ihren Raumeindruck zu prüfen. Als Ergebnis dieser Überlegungen trug Baustadtrat Grüder am 26.4. 1928 im Gemeindekirchenrat Grundzüge für die Gestaltung des Hohenzollernplatzes samt Kirche vor. Danach heißt es im Protokoll der Sitzung:  "Der im Hause anwesende Architekt Höger wird unter allseitiger Zustimmung hereingerufen. Er zeigt in Lichtbildern eine Anzahl der von ihm bisher geschaffenen - insgesamt 1060 - Bauwerke und erläutert seine künstlerischen und baulichen Grundsätze und Bestrebungen. Er erläutert ferner in Lichtbildern und Worten seine Pläne für die Nordkirche. Nachdem Herr Höger sich wieder entfernt hatte, setzt der GKR seine Beratung fort. ...  Ein Modell und eine fertige Zeichnung des Hoeger'schen Entwurfs werden besichtigt. Der Kirchmeister gibt bekannt, dass der Hoeger'sche Entwurf von Herrn Höger gemeinsam mit dem ObR Grüder ausgeführt würde. Der GKR beschließt: "Der Bau der Nordkirche soll nach dem Hoeger'schen Entwurf erfolgen ... Es wird festgestellt, dass die heute abwesenden Herrn Lang, Schettler, Kaiser sich bereits für den Höger'schen Entwurf erklärt haben." Eine so brisante und rasante Entscheidung wird schon länger vorbereitet gewesen sein. Die Vergabe des Auftrages an den Hamburger Architekten Iöste unter den damaligen Architekten Irritationen aus. Heftige Diskussionen in Fachzeitschriften waren die Folge.

Widerspruch

Dass der Kirchbau sehr umstritten war, belegt u.a. ein Artikel in der Zeitung "Der Westen", da konnte man am 30. Mai 1929 unter der Überschrift  "Stilexperimente an Sakralbauten" lesen: Am Hohenzollernplatz in Wilmersdorf soll bekanntlich eine neue evangelische Kirche gebaut werden. Vorläufig ist die Angelegenheit allerdings noch nicht spruchreif, und es ist möglich, dass der preisgekrönte Entwurf des Architekten Fritz Höger nicht oder in abgewandelter Form zur Ausführung kommt. Das vorliegende Modell dürfte auch kaum dem allgemeinen Geschmack der Kirchenbesucher entsprechen, und die Kirche ist nun einmal für die Besucher da, nicht umgekehrt ... Auch im vorliegenden Fall erweist es sich, dass das unter dem Gesichtspunkt neuer Sachlichkeit entworfene Modell sehr auf äußere Wirkung abzielt ...

Die gläubige Inbrunst, mit der die gotischen Dome ... zum Himmel streben, fehlt in diesem Modell vollständig. Der sachliche Turm ist so ausdruckslos wie möglich, ist eine lange Latte, die steif und kalt wirkt ... Der Name des Architekten Fritz Höger ist durch den gelungenen Bau des Hamburger Chile-Hauses bekannt geworden. Die Tatsache, dass er gute Industriehäuser bauen kann, Objekte also, die für den sachlichen Bau destiniert sind, ist aber für die Beurteilung seiner Eignung zum Erbauen von Kirchen ganz unerheblich ... Wenn die Kirchenbehörde sich nicht einig werden kann, sollte sie eben auf alte bewährte Rezepte zurückgreifen ..." Die Einsprüche gegen die Entscheidung des Gemeindekirchenrates blieben unberücksicht. Nach wenigen Eingriffen, die eine allzu starke Nähe zur Industriearchitektur vermeiden sollten, wurde der Auftrag an Fritz Höger bestätigt und zur Ausführung freigegeben.