Veröffentlicht am So., 8. Dez. 2019 16:53 Uhr

Der Morgenstern ist aufgedrungen,
er leucht‘ daher zu dieser Stunde
hoch über Berg und tiefe Tal,
vor Freud singt uns der lieben Engel Schar.

 „Wacht auf“, singt uns der Wächter Stimme
vor Freuden auf der hohen Zinne:
„Wacht auf zu dieser Freudenzeit!
Der Bräut’gam kommt, nun machet euch bereit!“

Christus im Himmel wohl bedachte,
wie er uns reich und selig machte
und wieder brächt ins Paradies,
darum er Gottes Himmel gar verließ.

O heil‘ger Morgenstern, wir preisen dich
heute hoch mit frohen Weisen.
Du leuchtest vielen nah und fern,
so leucht‘ auch uns, Herr Christ, du Morgenstern!

Daniel Rumpius

Antiquierte Sprache, langweilige Melodie – und doch mit radikalem Potential. Allerdings braucht es eine entsprechende Lesart. 

Der Morgenstern ist – noch vor der Sonne - der erste, der das kommende Licht ankündigt, und er ist der letzte aller Sterne, der sich im Morgengrauen zeigt, eine Art „Frühaufsteher“ und zugleich ein letzter Mahner: Aufwachen! Uns rennt die Zeit davon. Die Zeit ist reif, die entscheidenden Stunden sind gekommen. Wenn wir unsere (noch) schönen Berge und Täler voller Freude betrachten wollen, dann braucht es ein Aufwachen, das durch alle letzten Winkel und verborgenen Ritzen geht. Es braucht ein Aufleuchten, das auch die verkalktesten Hirnwindungen erreicht und die letzten erlahmten Gemütszustände aufwirbelt – wohl ähnlich wie damals dem Erscheinen der Engel bei den mutlos gewordenen Hirten in kalter und stockfinsterer Nacht mit ihrem Ruf: „Euch ist heute der Heiland geboren!“

Jesus, der Frühaufsteher, der Mahner und Durcheinanderbringer, der Grenzüber- schreiter von der Finsternis zum Licht, Jesus, der Gemütsumkrempler, ein Bräutigam der Liebe. 

O du mein Morgenstern! So begrüßte eine liebende Oma ihren viel zu früh ins großelterliche Bett stürmenden kleinen Enkel. Und sie berichtete mir, was dieser kleine Kerl sich schon alles für den Tag ausgedacht hatte: in den Zoo gehen, Eis essen, Kuchen backen für die Eltern, mit dem Opa in dessen Werkstatt ein Schiff bauen und, und, und. So stürmt auch das Jesuskind in die Welt und bringt alles durcheinander, unser Fühlen und Denken. Es ist ein heilvolles, heilswirksames Durcheinander. Es will auch ein neues, ganz anderes Handeln – eins mit heilsamer Wirkung. 

Durchs neue Jahr hindurch diesem Kind auf der Spur zu bleiben, das ist doch ein echt guter Vorsatz. Kindlich (nicht kindisch) zu leben, die Wunder dieser Welt wert zu achten, der Menschen – aller Menschen - Würde zu achten, das Paradies vor Augen und im Herzen zu behalten und so auch reich und selig zu werden: Das kann die Welt heilsam auf den Kopf stellen. Vielleicht ist das sogar unsere letzte Chance und hoffentlich das nicht zu späte Aufleuchten neuen Lebens. 

Und wenn wir dann als Gotteskinder „kopfstehen“ und in den Morgenstern blinzeln – ich bin mir sicher, wir werden befreit und glücklich jubeln. 

Norbert Zakrzewski-Fischer 

Kategorien Andacht